Montag, 13. Dezember 2010

Das PISA Debakel

Ergebnis der PISA Studie für Personen mit Leseschwäche.


















Es klingt ja fast schon wie ein Witz.
28 Prozent der 15- und 16-jährigen zählen in der Kernkompetenz Lesen zur Risikogruppe.
Interessant, dass man diese Risikogruppe in diesem Alter feststellt, obwohl Kinder im Volksschulalter ihre Lesekompetenz entwickeln.

Auch der Lösungsansatz ist bemerkenswert. Klar ist, dass sich die SPÖ aufgrund der Pisa Studie bestätigt sieht, für Gesamtschule und Ganztagsschule zu kämpfen, obwohl Untersuchungen aufzeigen, dass die besten Ergebnisse von Haushalten erzielt wurden, in denen der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit arbeitet. Das bedeutet, dass das Kind weder eine Ganztagsschule noch ein Internat besucht, sondern eine Mutter hat, die darauf achtet, dass das Kind auch Bücher liest.
Welch mittelalterlich und konservatives Gesellschaftsbild die Lesekompetenz fördert, muss allen progressiven Stimmungsmachern sauer aufstoßen. Nicht die Gesamtschule in sich fördert die Lesekompetenz, sondern dass Eltern ihre Kinder fördern, steigert die Lesekompetenz. Vielleicht verbirgt sich hinter den Begriffen „Hausfrau“ (zugegeben, wirklich ein schrecklicher Begriff) und „Mutter“ (ein wunderschöner Begriff) doch mehr, als Tellerwäscherin und Büglerin für den Geldbringer.

Die schlechteste Lesekompetenz hatte, wie nicht anders zu erwarten, der männlicher Migrant der ersten Generation, dessen Eltern nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen und in dessen Haushalt zahlreiche Fernseher (die über Satellit die türkischen Sender empfangen), aber keine Bücher stehen. Sein Vater arbeitet Teilzeit, die Mutter ist arbeitslos (was heißt arbeitslos? Sie arbeitet indem sie den ganzen Tag nach den billigsten Sonderangeboten sucht, eine Horde Kinder im Schlepptau hat, die alle bestens über Sonderangebote Bescheid wissen, aber nicht lesen können).
Ein verpflichtendes Vorschuljahr für alle Migrantenkinder wäre vielleicht ein Lösungsansatz.
Denn sie scheitern ja schon in der Volksschule. Was hier die Gesamtschule verbessern sollte, ist mir schleierhaft.
Warum sollte sich die Lesekompetenz in einer Gesamtschulklasse, deren Schüler zu 70% nicht deutscher Muttersprache sind, verbessern?

Solange ich aber erlebe, dass das Selbstbild des Lehrers darin besteht, Schüler zu benoten, wird sich nicht viel an diesen misslungenen Schulsystem ändern - egal wie wir dieses System nennen. Wenn ein Lehrer in eine Klasse kommt und sagt, dass diese Schularbeit wieder sehr schlecht ausgefallen sei, denn es habe 12 „Nicht genügend“ und kein „Sehr gut“ gegeben, bestätigt er, dass er nicht verstanden hat, worin der Sinn seines Berufes liegt. Er hält die Schüler für zu blöd zum Lernen. Er sucht den Fehler gar nicht mehr bei sich. Es kann seiner Meinung nach nicht daran liegen, dass sein Unterricht langweilig ist, oder er schlecht erklärt bzw. schlecht auf die Schüler eingeht. Eigentlich sollte sich der Lehrer dafür genieren, wenn so viele Schüler ihr Lernziel verfehlen, er aber sieht sich selbst als die benotende Instanz. Mit dieser Lizenz zum Benoten ausgestattet, kann man natürlich leicht der Lehrergewerkschaft beitreten und sich gegen jede Reform wehren, denn eines muss klar sein: Lehrer haben nie Schuld an der schlechten Leistung der Schüler. Eltern, das Schulsystem, die Politik und die schlechte Bezahlung hingegen schon.
Wozu fordern wir eine Ganztagschule, wo die Lehrer derzeit je nach Lehrverpflichtung nur 14-22 Stunden an ihrem Arbeitsplatz sind? Die Forderung der Lehrer, die Schulen so auszustatten, dass sie bis zu 40 Stunden pro Woche an ihrem Arbeitsplatz zu finden sind, würde ich unterstützen. Sollen sie die Räumlichkeiten und das technische Equipment in den Schulen bekommen, aber dass ein Lehrer fast die Hälfte seiner Dienstzeit nicht am Arbeitsplatz zu finden ist, finde ich ungeheuerlich. Ein Lehrer sollte die meiste Zeit bei den Schülern verbringen und nicht bei der Benotung deren Arbeiten, denn dadurch werden sie nicht besser.

Lehrer und Migranten haben also etwas gemeinsam - sie sind nie Schuld an den schwachen Lernergebnissen.

Kommentare:

  1. Also ganz kann ich dem Artikel nicht zustimmen. Ich arbeite selbst für 2-3 Monate im Jahr mit 12-13jährigen und ich kann Ihnen sagen, es ist soooo schwer, die auch nur für irgend etwas außer Shoppen, Schminken, Kino gehen oder Fernsehen zu begeistern!! Vor allem fällt mir in den letzten Jahren auf, dass eher noch die Burschen für etwas zu begeistern sind, während die Mädchen sich fast ausschließlich fürs Schminken und Shoppen interessieren. Sie zu begeistern für Dinge, die abstrakt sind und wo sie denken müssen, wird immer schwieriger. Warum: weil ihnen hinten und vorne alles reingeschoben wird; wo sie nicht denken wollen, wird halt ständig gefragt. 5 Sätze lesen und dann fragen, was sie denn gelesen hätten endet jedes mal mit ???? Ich kann oft schon an ihren Augen sehen, dass sie gar nicht denken wollen, weil es anstrengend ist. Nicht dass sei dumm wären, aber sie sind oft wirklich einfach zu faul zum Denken. Und warum: weil sie eben keine Bücher lesen. Ist jetzt natürlich ein sehr pauschales Urteil, aber so erlebe ich die Kinder eben. Wobei die Hauptschüler wesentlich schwächer sind als die Gymnasiasten. Und wie bitte wollen sie das alles in einer Gesamtschule zusammenbringen: den Hochbegabten, den Mittelmäßigen und den Sonderschüler?! Ich meine: sitzen die dann wirklich in einer Klasse?! Und da geb ich Ihnen voll Recht: WENN die Mutter zuhause schaut, dass die Kinder lernen und lesen, dann ist das optimal, aber wieviele Mütter kennen sie, die das tun? Ich jedenfalls kenne MÜtter, die schon in der Hauptschule mit ihren Kindern überfordert sind, die Aufgaben zu machen.

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  2. Thema Gesamtschule: Ich weiß nicht ob das ausreichend "rüber gekommen" ist, aber ich bin der Gesamtschule gegenüber sehr skeptisch. So wie ich das Verstanden habe, soll es in der Gesamtschule 3 Leistungsgruppen geben. (Was auf Jeden Fall eine Reduzierung der Differenzierung wäre, weil es jetzt sowohl ein Gymnasium und drei Leistungsgruppen in Hauptschulen gibt).
    Was Sie über Ihre Erfahrungen mit Jugendlichen schreiben ist erschütternd, jedoch muss ich sagen, dass es sehr wohl auch andere gibt. (Ich selbst bin auch Vater dreier Kinder).
    Ich kenne sowohl Jugendliche die so sind wie von Ihnen beschrieben, als auch sehr bewundernswerte Jugendliche. Ich persönlich befürchte, dass die unteren destruktiven Schichten das Niveau einer Gesamtschule kräftig nach unten ziehen würden. Um so beängstigender finde ich, dass uns die Gesamtschule als das allheiligmachende Mittel gegen die Volksverblödung verkauft wird.

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  3. Debakel, mit b, nicht mit p (inbesondere in Kombination mit der PISA-Studie). ;)

    Im übrigen esteht akute Gefahr der Scheinkorellation zwischen elterlichem Rollenmodell und Testresultaten. Die Hausfrau und Mutter, die ihr Kind, nachdem es aus der Halbtagsschule kommt, im fernseherlosen Haushalt zum Bücher lesen anhält, halte ich für ein rührendes Klischee. Diese Merkmale überlagern m.M.n. wohl eher einen Einkommenskonflikt. Ich setze dem, allerdings genauso spekulativ, entgegen: die Mutter im wohlsituierten Haushalt, die ihr Kind zur Nachhilfe fährt (die erhalten heutzutags nicht mehr nur die Problemkandidaten, sondern auch diejenigen, für deren Eltern die "gut" nicht gut genug ist, solange es auf der Skala noch ein "sehr gut" gibt; koste es was es wolle), den sie sich aufgrund des Haushaltseinkommens leisten kann. Ganztagsschule (nicht aber: Halbtagsschule mit angeschlossener Schülerverwahrung) kann hier durchaus hilfreich sein.

    Ansonsten: guter Punkt zum frühzeitigen Ansatz bei der Förderung. Fehlendes Vorbild und zu wenige Anreize müssen möglichst früh ausgeglichen werden. Volle Zustimmung zum Kritik am Selbstverständnis der Lehrerschaft.

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  4. "Debakel, mit b, nicht mit p"
    Hoppla, Freud'scher Verbrecher... ;-) Danke!

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